Bulgarien war durch die Berliner Kongreßakte von 1878 ein dem
osmanischen Sultan tributpflichtiges Fürstentum geworden. Die
Verfassung wurde von der I. Großen Bulgarischen Nationalversammlung
beschlossen und diese war eindeutig eine liberale Verfassung. Der Fürst
war nicht "Träger der Staatsgewalt" sondern nur "exekutive Gewalt"
und an der legislativen Gewalt beteiligt. Die Verfassung war von ziemlich
stabiler Natur, insbesondere durch die Einführung einer "Großen
Nationalversammlung", die allein für Verfassungsänderungen (neben
Wahl eines neuen Fürsten, Wahl von Regenten, Grenzänderungen)
zuständig war.
1881-1883 Suspendierung
von Teilen der Verfassung durch den Fürsten (wegen Parteiengezänk)
1886/1887 Putsch gegen
den Fürsten und Wahl eines neuen Fürstenhauses (II. Große
Nationalversammlung)
1893
erste Verfassungsänderung (III. Große Nationalversammlung)
04.10.1908 Ausrufung
der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich und Erhebung zum Zarentum
(Königreich); der Fürst wird Zar der Bulgaren
1909/10
IV. Große Nationalversammlung (Verfassungsänderungen aufgrund
der Erhebung zum Zarentum
1913
IV. Große Nationalversammlung (Ratifizierung des Friedens von
Bukarest; beendete die Balkankriege (1912/13)
1918
aufgrund des verlorenen Weltkrieges dankt Fürst (Zar) Ferdinand I.
nach 31jähriger Regentschaft ab; Zar Boris III.
1919
V. Große Nationalversammlung (Ratifizierung des Friedens von Neuilly; beendete den I. Weltkrieg)
1924
Putsch gegen die Regierung der (sozialistisch-kommunistischen) Bauernpartei
1924-1926 Verfassung
größtenteils suspendiert
1931-1934 erneut Regierung
der Bauernpartei, die durch Putsch (19.5.34) beseitigt wird.
1935-1944 Verfassung
größtenteils suspendiert, ab 1943 Regentschaftsrat für
den sechsjährigen Zar Simeon II.
1934/35
"Zweno"-Regierung; republikanisch gesinnte reformorientierte Militärregierung.
ab 1935
Königsdiktatur; dem König kommt die bestimmende Rolle in den
Staatsgeschäften zu.
1938
letzte Wahl der Nationalversammlung
09.09.1944 "Volksaufstand";
Regentschaftsrat wird gestürzt und ein neuer, sowjetfreundlicher wird
eingesetzt; die Verfassung von 1879 wird formal wieder eingeführt;
durch die Verfassung von 1947 formal nicht aufgehoben.
09.09.1946 VI. Große
Nationalversammlung: Ausrufung
der Volksrepublik (durch Volksabstimmung am 15.9. bestätigt); der
neunjährige Zar wurde abgesetzt.
12.07.1991 VII. Große Bulgarische Nationalversammlung; Fortführung der Traditionen des bulgarischen Staates
Durch die Verfassungen der Volksrepublik Bulgarien vom 4. Dezember 1947 und vom 18. Mai 1971 wurde das Organ "Große Nationalversammlung" abgeschafft und erst 1990 zur Einberufung der VII. Großen Nationalversammlung wieder eingeführt, die am 12. Juli 1991 die (geltende) Verfassung der Republik Bulgarien verabschiedete.
Kurzgeschichte:
11.03.1870
Ferman des osmanischen Sultans zur Gründung des Bulgarischen Exarchats
(Unabhängigkeit der griechisch-orthodoxen Kirche der Bulgaren vom
griechisch-orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel.
1872
Wahl des ersten Exarchen (heute Patriarch) der bulgarischen orthodoxen Kirchen
1878 Gründung des Dritten Bulgarischen Reiches auf dem Berliner Kongreß
17.04.1879
Wahl des Fürsten Alexander I. (Prinz von Battenberg,
Neffe von Alexander II. Zar von Rußland, Großonkel von Philip
Herzog von Edinburgh, Prinz von Großbritannien und Nordirland)
1885/1886
serbisch-bulgarischer Krieg (endet mit dem Frieden von Bukarest am 3. März 1886
mit Status quo)
21. 09.1885 staatsrechtlicher Anschluss der militärisch zuvor besetzten osmanischen
Provinz Ostrumelien (völkerrechtlich durch den Tohphane-Vertrag vom 24. März
1886 zwischen Bulgarien und dem Osmanischen Reich bestätigt);
völkerrechtlich wurde vereinbart, dass der türkische Sultan den Fürsten von
Bulgarien von 5 zu 5 Jahren zum Gouverneur der türkischen Provinz Ostrumelien
ernennt; Tributpflichtigkeit gegen das Osmanische Reich blieb erhalten)
26.08.1886
Abdankung von Fürst Alexander I.
1886/1887 Regent Stambulow
27.06.1887
Wahl des Fürsten Ferdinand I. (von Sachsen-Coburg-Kohary,
ungarische Linie des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha, Prinz von Battenberg,
Enkel des letzten Königs von Frankreich (Louis Philipp) und Neffe von
Lois König von Portugal)
1887-1894
Amtszeit der Regierung Stambuloff (Liberaler, russlandfeindlich)
1894-1899
Amtszeit der Regierung Stoiloff (Konservativer, russlandfreundlich)
04.10.1908
unabhängiges Zarentum Bulgarien (allgemein: Königreich Bulgarien);
erst 1913 allgemein anerkannt.
1912/1913
Balkankriege (zuerst gemeinsam gegen die Türkei, dann um die Beute
Balkanstaaten gegen Bulgarien)
1915-1918
I. Weltkrieg auf Seiten Deutschlands
04.10.1918
Zar Boris III. (Sohn Ferdinands I.)
02.10.1919
Übernahme der Regierung durch die Bauernpartei
27.11.1919
Frieden von Neuilly
09.06.1923
Putsch gegen die verfassungsmäßige, aber doch diktatorische Regierung
der Bauernpartei unter Stambolinski
1923-1926
Amtszeit der Regierung Zankoff (ohne Verfassung und Parlament)
1926-1931
Amtszeit der Regierung Liaptscheff (mit Verfassung und Parlament)
19.05.1934
Putsch gegen die verfassungsmäßige Regierung der Bauernpartei
und faktische Suspendierung der Verfassung
1934/1935
Regierung des Zweno-Kreises unter Georgieff
1935-1936 Amtszeit der Regierung Toscheff (ohne Verfassung und Parlament)
1936-1940
Amtszeit der Regierung Küsselwanoff (aber persönliches Regiment
des Zaren; ab 1938 mit Parlament aber ohne Verfassung)
01.03.1941
Beitritt Bulgariens zum deutsch-italienisch-japanischen Dreimächtepakt
28.08.1943
Zar Simeon II. (da erst 6 Jahre alt unter einem Regentschaftsrat, geführt
vom Onkel des Zaren)
09.09.1944
"Volksaufstand"; mit Hilfe der einmarschierenden Roten Armee wird Regentschaftsrat
und Regierung gestürzt und durch sowjetfreundliche kommunistische
Politiker ersetzt
18.11.1945
erste Nachkriegswahlen im sowjetisch besetzten Bulgarien; die Kommunisten
erhalten die überwältigende Mehrheit.
15.09.1946
Abschaffung der Monarchie durch Volksentscheid; bereits am 9.9. durch
das Parlament vollzogen)
10.02.1947
Frieden von Paris; Bulgarien wird formal wieder souverän.
04.12.1947
Verfassung der Volksrepublik Bulgarien (Dimitrow-Verfassung)
18.05.1971
Verfassung der Volksrepublik Bulgarien (Schiwkow-Verfassung)
1990/91 Erhebliche Verfassungsreformen und Umbenennung des Staates in "Republik
Bulgarien" (15.11.1990)
10.06.1990
erste freie Wahlen zur Nationalversammlung seit dem Krieg (zuerst kommunistische
Mehrheit)
1991 Die Nationalversammlung führt die Verfassungstradition von 1879 fort
und bezeichnet sich als VII. Große Nationalversammlung
12.07.1991
Verfassung errichtet eine demokratische und rechtsstaatliche
Republik Bulgarien.