Allerhöchstes Patent

 

vom 11. November 1846

 

hinsichtlich der Wiedervereinigung der Stadt Krakau und ihres Gebietes mit dem österreichischen Kaiserreiche

 

Nachdem durch den Wiener Frieden vom 14. October 1809 die Stadt Krakau nebst dem angränzenden Gebiethe von Unserem Reiche losgerissen und zu dem damahligen Herzogthume Warschau geschlagen, in Folge der Kriegsereignisse des Jahres 1812 aber von den kaiserlich russischen Truppen erobert war, hat sich Unser in Gott ruhender Herr Vater, Weiland Kaiser Franz I. mit den verbündeten Höfen von Preußen und Rußland durch den Vertrag vom 3. Mai (21. April) 1815 dahin vereinigt: daß Krakau mit dem ihm zugewiesenen Gebiethe in Zukunft eine, unter den Schutz dieser drey Mächte gestellte, freye und unabhängige Stadt seyn soll. Ausdrückliche Bedingung und nothwendige Voraussetzung dieser Anordnung war jedoch sowohl die strenge Neutralität der besagten freyen Stadt, wie die ihr auferlegte Verpflichtung, keinerley Flüchtlingen, welche Unterthanen der drey Schutzmächte wären, Zuflucht und Aufenthalt zu gewähren, sondern selbige sofort an die zuständigen Behörden auszuliefern.

 

Eine betrübende Erfahrung von sechzehn Jahren hat aber gezeigt, daß Krakau diese Bedingungen seiner unabhängigen Existenz nicht erfüllt, sondern seit dem Jahre 1830 unausgesetzt zum Herde feindseliger Umtriebe gegen die drey Schutzmächte gedient hat, bis es endlich im Februar dieses Jahres der Schauplatz gewaltthätiger und gefährlicherer Auftritte wurde, wie je. Nachdem seine Regierung und rechtmäßige Verfassung aufgelöst, und das Schicksal der Stadt in die Hände einer Anzahl von Verschwornen gefallen war, die den Titel einer Revolutions-Regierung von Pohlen annahmen, und die Einwohner aller ehemals pohlnischen Landestheile gegen die bestehenden Regierungen zum Aufstande und zu den Waffen riefen, erfolgte vom Krakauer Gebiethe aus ein Einfall einer bewaffneten Rotte in Unsere Staaten.

 

Krakau mußte auf's neue von den Truppen der Schutzmächte besetzt und unter eine Unseren Militär-Behörden untergeordnete provisorische Regierung gestellt werden.

 

Durch diese Vorgänge in die Unmöglichkeit versetzt, die von den Feinden der Ruhe und Ordnung in  Europa zerstörten Grundlagen der Freyheit und Unabhängigkeit von Krakau wieder herzustellen, und durchdrungen von der Verpflichtung, sowohl Unsere getreuen Unterthanen in Galizien, als den rechtlichen und ordnungsliebenden Theil der Bewohner von Krakau selbst, vor den Angriffen und Umtrieben eben jener Umwälzungs-Parthey sicher zu stellen, haben Wir in Verbindung mit Seiner Majestät dem Könige von Preußen und Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland, das künftige  Schicksal Krakau's in ernstliche Erwägung gezogen. Zu diesem ende haben Wir Berathungen mit den Special-Bevollmächtigten der Höfe von Berlin und St. Petersburg pflegen lassen.

 

Das Ergebniß derselben ist eine zu Wien am 6. November dieses Jahres geschlossene Übereinkunft, durch welche die drey Schutzmächte der Stadt Krakau, die in Betreff derselben geschlossenen Verträge vom 3. May 1815 widerrufen und aufheben, wodurch gedachte Stadt nebst Gebieth, so wie dieselbe vor dem Wiener Frieden vom 14. October 1809 von Unserem in Gott ruhenden Herrn Vater und Vorfahren besessen worden ist, unter Unseren Scepter zurückkehrt.

 

In Folge dessen ergreifen Wir, wie hiermit geschieht, Besitz von der gedachten Stadt Krakau und ihrem bisherigen Gebiethe, vereinigen sie für ewige Zeiten mit Unserer Krone und erklären sie für einen unzertrennlichen Bbestandtheile Unseres Kaiserlichen Reiches, dem Wir sie hiermit einverleiben.

 

Wir ernennen den Hochwohlgebornen Grafen Moritz v. Deym, unseren Kämmerer, wirklichen Gubernialrath und Stadthauptmann in Prag zu Unserem Hof-Commissär für diese Besitzergreifung, und fordern sämmtliche Bewohner der Stadt Krakau und ihres bisherigen Gebiethes um ihres eigenen Wohles willen hierdurch ernstlich auf: diesem von Uns abgesendeten Hof-Commissär und rücksichtlich den von Uns als bestehend anerkannten oder neu einzusetzenden Behörden unweigerlichen Gehorsam, und den von Uns getroffenen und noch zu treffenden Anordnungen pünctliche Folge zu leisten. Dafür versprechen Wir ihnen Aufrechthaltung und Schutz unserer heiligen Religion, unparteiisches Recht und Gerechtigkeit, billige Vertheilung aller Staatslasten und kräftige Handhabung der öffentlichen Sicherheit. Denen, die sich Unserer Gnade durch ungesäumte Unterwerfung unter gegenwärtige Maßregel, die zu ihrem eigenen Besten dient, und durch Treue und Anhänglichkeit an Unser Haus würdig machen, werden Wir stets ein milder Landesfürst und gnädiger Kaiser seyn, und Uns bestreben, sie nach besten Kräften der Wohlthaten theilhaft zu machen, welche die Vereinigung mit einer großen und mächtigen Monarchie den Bewohnern Krakau's zu gewähren im Stande ist.

 

    So gegeben in Unserer kaiserlichen Residenz zu Wien am 11. November des Jahres 1846, Unserer Regierung im zwölften.

 

Franz

 

Fürst von Metternich

 


Quellen:  Politische Gesetzsammlung Österreichs, Jahrgang 1846 S. 228
© 24. Dezember 2003 - 19. September 2009


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