Grundgesetzliche Bestimmungen über die Union Schwedens mit Norwegen
(4. November 1814 bis 7. Juni bzw. 26. Oktober 1905)

Durch den Kieler Frieden vom 14. Januar 1814 wurde Schweden u. a. auch als Entschädigung für Finnland und für den Eintritt in die Koalition gegen Napoleon das Königreich Norwegen zugestanden, das zuvor mehr als 400 Jahre Teil des Königreichs Dänemark war. Da jedoch die Norweger gegen eine solche Union waren, haben Sie in Auflehnung gegen die Großmächte eine konstituierende Versammlung gewählt, die im April 1814 in Eidsvoll zusammentrat und die am 17. Mai 1814 eine Verfassung verabschiedete und den dänischen Prinzen Christian Friedrich (1839 bis 1848 König von Dänemark) zum König von Norwegen wählte.

Das Königreich Schweden wie die anderen Großmächte haben diese Regierung nicht anerkannt, trotzdem vorläufig nichts unternommen. Erst im Juli 1814 hat Schweden das Königreich Norwegen besetzt. In der Konvention von Moss vom 14. August 1814 wurde ein Waffenstillstand beschlossen, der den norwegischen König Christian Friedrich verpflichtete
- das Storting einzuberufen,
- seine Gewalt in die Hände der Nation zu legen (also abzudanken).

Das Storting trat am 10. Oktober 1814 zusammen und der König dankte vor dem Storting, wie in der Konvention von Moss beschlossen, ab.

Am 20. Oktober 1814 wurde durch einen Beschluß des Stortings die Personalunion mit Schweden beschlossen. Das Storting hat die Verfassung vom 17. Mai 1814 am 4. November 1814 dahingehend revidiert, daß die Personalunion mit Schweden grundgesetzlich gesichert war. Der schwedische König wurde am 4. November 1814 zum König von Norwegen gewählt; dieser erkannte die am 4. November 1814 revidierte Verfassung des Königreichs Norwegen am 11. November 1814 an und legte seinen verfassungsmäßigen Eid darauf ab.

Schließlich wurde durch übereinstimmende Beschlüsse des Storting und des schwedischen Reichstags am 31. Juli und 6. August 1815 eine Reichsakte zur Bestimmung der durch die Vereinigung zwischen Norwegen und Schweden entstandene konstitutionellen Verhältnisse.

 

Beschluß des Stortings über die Vereinigung mit Schweden

vom 20. Oktober 1814

Die Präsidentschaft des norwegischen Storting an die Geschäftsträger Seiner Königl. Schwedischen Majestät, den 20. Oktober 1814.

Norwegens außerordentliches Storting, das mehrere Tage versammelt gewesen ist, um über die Bedürfnisse des Reiches zu beraten, hat heute den Beschluß gefaßt: daß Norwegen als ein selbständiges Reich unter einem König mit Schweden vereinigt werden soll, aber unter Beibehaltung seines Grundgesetzes, mit den zur Wohlfahrt des Reiches, und anläßlich dessen Vereinigung mit Schweden notwendigen Veränderungen.

Diese Veränderungen in der von Seiner Majestät dem König von Schweden durch den Vertrag von Moss am 14. August ds. Jahres anerkannten Verfassung werden so schnell wie möglich vom Storting beraten und beschlossen werden; und sobald dies geschehen ist, wird das Storting Schwedens König, Seine Majestät König Carl XIII. feierlich erwählten und anerkennen als Norwegens verfassungsmäßigen König.

Welches ich, gemäß dem Beschluß des Stortings, und mit Bezug auf die Äußerung seitens der Geschäftsträger Seiner Schwedischen Majestät bei ihrer Gegenwart im Storting am 13. dieses Monats, hierdurch mir die Ehre gebe, mitzuteilen.

Sie wollen gleichzeitig die Versicherung meiner vollkommenen Hochachtung entgegen nehmen.

Christiania, auf Norwegens außerordentlichem Storting, den 20. Oktober 1814.

Christie
Präsident

L. Weidemann
Secretair

An die Geschäftsträger Seiner Königlichen Schwedischen Majestät in Christiania.


Beglaubigung des norwegischen Grundgesetzes seitens der schwedischen Geschäftsträger

vom 4. November 1814

Daß das Grundgesetz des Norwegischen Reichs, so wie es Wort für Wort vorgeschrieben steht, unter Vorbehalt des verfassungsmäßigen Rechts der Stände des Schwedischen Reichs betreffs der Teile, die Änderungen oder Berichtigungen in der Verfassung des Schwedischen Reichs mit sich bringen, zwischen Unserem Allergnädigsten König und Herrn, Carl XIII., Schwedens, Norwegens, der Gothen und Wenden König usw. usw. usw. durch uns, die unterzeichneten Bevollmächtigten Geschäftsträger in Höchstdessen Namen, sowie dem außerordentlichen Storting des Norwegischen Reichs, jetzt in Christiania versammelt, verhandelt und beschlossen worden ist, wird hierdurch mit Unterschrift Unserer Namen und Beifügung Unserer Siegel beglaubigt und bestätigt.

Christiania, am vierten Tage des Monats November im Jahre Eintausend Achthundert und Vierzehn nach Christi Geburt.

gez. Rosenblad
       gez. B. v. Platen                                                                   gez. G. af Wetterstedt
  gez. G. F. Wirsen                                                                 gez. A. G. Mörner
gez. Carl v. Rosenstein                                                         gez I. D. Valerius

 

Nachdem es insbesondere 1839 und 1865 kleinere Spannungen zwischen Norwegen und Schweden, insbesondere hinsichtlich der Vormachtstellung Schwedens in der Union, gegeben hat, war seit dem Regierungsantritt König Oskars II. 1872 eine stets verstärkte Spannung auszumachen, so 1882, als es trotz dreimaligem Beschluß des Storting zur Änderung der Verfassung zu keiner königlichen Sanktion kam, so daß die Mitglieder des Staatsrates (die Regierung) vom Storting angeklagt und 1884 vom Reichsgericht verurteilt wurden; ab diesem Zeitpunkt war eine parlamentarische Regierung in Norwegen üblich. 1892 kam es zum Streit, weil Norwegen eigenständige norwegische Konsulate errichten wollte, 1898 zum Flaggenstreit u. s. w..

Am 23. Mai 1905 kam es schließlich zur folgenschwersten Streitigkeit, als der 1892 noch beigelegte Streit um eigenständige Konsulate erneut dadurch aufflammte, da das Storting beschloß, mit Wirkung vom 1. April 1906 eigenständige norwegische Konsulate zu errichten. König Oskar II. lehnte am 27. Mai 1905 die Sanktionierung des Beschlusses ab, obwohl die Mitglieder des Staatsrats den König davor gewarnt haben, daß dann eine Auflösung der Union wahrscheinlich ist. Nach der Ablehnung der Sanktionierung trat der Staatsrat zurück, ohne daß der König den Rücktritt annahm. Am 7. Juni 1905 nahm dann das Storting in einem revolutionären Beschluß die "verfassungsmäßige Königsgewalt" für "außer Wirksamkeit getreten. Die bisherigen Mitglieder des Staatsrates wurden nach Maßgabe der Verfassung ermächtigt, die norwegische Regierung bis auf weiteres auszuüben. Das war praktisch eine Absetzung des Königs von Schweden als König von Norwegen und damit das Ende der schwedisch-norwegischen Union. König Oskar II. hat am 10. Juni 1905 gegen den Beschluß des Storting Einspruch eingelegt.

Nachdem Schweden, auch auf Zuspruch des Königs selbst, auf einen militärischen Feldzug gegen Norwegen verzichtet hat, kam es zu einer friedlichen Auflösung der Union, die in den fünf Abkommen von Karlstad vom 26. Oktober 1905 (Verhandlungen vom 31. August bis 23. September 1905) festgeschrieben war.
  Das erste Abkommen war ein Streitschlichtungsabkommen, das in sehr weitem Umfang den Austrag von Streitigkeiten zwischen beiden Staaten vor dem Haager Schiedshofe vorsieht.
  Das zweite Abkommen hat die Schaffung einer neutralen Zone von ungefähr 15 km Breite an der Grenze eines jeden Staates vorgesehen.
  Das dritte Abkommen hat das Recht der nomadisierenden Lappen auf Rentierwiesen geregelt.
  Das vierte Abkommen regelte den Transitverkehr.
  Das fünfte Abkommen hat Bestimmungen über gemeinsame Wassergebiete enthalten.

Mit Wirkung vom 26. Oktober 1905 wurde die Unionsakte in Schweden aufgehoben, nachdem diese bereits seit dem 7. Juni 1905 in Norwegen faktisch aufgehoben war. Am 27. Oktober 1905 hat König Oskar II. dem Storting seine Abdankung als König von Norwegen erklärt, womit alle Verbindungen zwischen Norwegen und Schweden nach 91 Jahren aufgehoben waren.

 


Quellen: Max Fleischmann, Das Staatsgrundgesetz des Königreichs Norwegen, Verlag von M.&H. Marcus Breslau 1912
© 15. Februar  2002 - 30. Juni 2016
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