Hinweise zur
"Verfassung" des Königreichs Irland
bis 1800

 

Bis 1171 war die Insel Irland fünf selbstständige Fürstentümer (Leinster, Munster, Ulster, Connaught und Meath) mit eigenen Königen so wie einem mehr oder weniger anerkannten heimischen, eigentlich nur für den Krieg bestimmten Oberkönig.

Die fünf Fürstentümer waren Gebiete mit teils erblichen, teils erwählten Häuptlingen geteilt.
 

1. Lordschaft von Irland

a. Herrschaft der Anglo-Normannen

Nachdem der König von Leinster 1171 ohne Erben gestorben war, hatte der englische König Heinrich II. (aus dem französischen Haus Anjou-Plantagenet) seit 1166 ein Anrecht auf dieses Fürstentum und lies es durch ein starkes englisches Heer besetzen. Da die anderen selbstständigen irischen Fürstentümer den Anspruch nicht anerkannten kam es zum Krieg, der damit endete, dass ein großer Teil der irischen Fürstentümer die Oberherrschaft Heinrichs II anerkannten. Diese Anerkennung war aber mit Heinrich II persönlich und nicht mit ihm als englischem König verbunden.

So war die Lordschaft von Irland entstanden, mit Heinrich II als Lord (Oberster Lehnsherr) von Irland. Noch während seiner Regentschaft hat Heinrich II die Lordschaft Irland seinem zweiten Sohn Johann, so dass Irland beim Tode Heinrichs II 1189 nicht auf Richard I. Löwenherz überging, sondern an Johann, der jedoch im Jahr 1199 seinem Bruder auch auf dem englischen Thron folgte.

Durch den Vertrag von Windsor aus dem Jahr 1175 hat sich auch der formale irische Oberkönig dem englischen König Heinrich II unterworfen.

Die Lordschaft von Irland war jedoch in den folgenden Jahrhunderten stets nur in einem kleinen Teil Irlands, um die Stadt Dublin herum, Pale genannt, anerkannt, die anderen Teile Irlands waren entweder noch oder wieder selbstständig, andere aber in privaten Kriegen englischer Lords unterworfen. Bis zum Einfall der Schotten im Jahr 1315 war jedoch fast ganz Irland der Lordschaft untergeordnet.

Die englischen Könige als Lords von Irland haben während dieser Zeit (1171-1315) ständig versucht, die untergeordneten irischen Fürstentümer abzuschaffen und statt dessen die zentralen Strukturen wie in England auch in Irland einzuführen. Bis 1250 war ein großer Teil Irlands in Grafschaften eingeteilt, die von einem königlichen Vollzugsbeamten mit der Amtsbezeichnung "Sheriff" verwaltet wurden und in denen Richter nach dem Common Law Recht sprachen. Neben diesen Grafschaften, die direkt den englischen Königen als Lords von Irland unterstanden, gab es auch Gebiete, "Freiheiten" genannt, die nur bedingt den Lords unterstanden. Die irischen Fürstentümer waren nicht Teil dieses Herrschaftsgebiets, galten aber weiterhin als Teil der Lordschaft von Irland. Schon in dieser Zeit begann eine Besiedlung von England aus, doch waren die Siedler bald so fest in Irland und mit den Iren verbunden, dass von diesen Anglo-Iren kein Rückhalt für die englische Krone zu erwarten war. Im von England beherrschten Teil Irlands wurden die Iren als Leibeigene betrachtet, nur in den Herrschaftsgebieten der irischen Fürstentümer waren die Iren, da dort das englische Recht nicht galt, freie Bürger.

Im Jahr 1297 wurde für das englische Herrschaftsgebiet erstmals das irische Parlament durch den Lord von Irland einberufen.

Nachdem immer mehr englische Lords sich in Privatkriegen mit den irischen Königen und Häuptlingen Land außerhalb des englischen Herrschaftsgebiets genommen hatten, haben die Iren im Jahr 1315 Hilfe beim schottischen König Robert Bruce gesucht, der diese gewährt hat und mit einem Heer in Irland einfiel, der Bruder des schottischen Königs, Eduard, wurde von den Iren zum König von Irland erwählt, konnte sich aber in vielen verheerenden Kämpfen nicht durchsetzen. Die englische Lordschaft dauerte nach der dreijährigen schottischen Herrschaft fort, doch blieb das eigentliche Herrschaftsgebiet klein und die Rivalitäten der irischen Fürsten und Häuptlinge groß.

Nach einer eher versöhnlichen Politik unter Eduard III waren die Iren wieder in eine stärkere Stellung gekommen und so musste durch England eine Reaktion erfolgen, die mit den "Statuten von Kilkenny" einen Namen haben. Im Jahr 1366 hatte Lionel, Herzog von Clarence, Sohn von Eduard III und Lord Lieutenant von Irland das irische Parlament nach Kilkenny einberufen und dieses die Statuten verabschieden lassen. In diesen war eine "permanente Rassenschranke" vorgesehen, d. h. kein nach Irland sich angesiedelter Engländer konnte einen Iren heiraten oder andere Verbindungen eingehen, das sprechen der irischen Sprache wurde verboten, es durften keine irische Namen verwendet oder irische Kleidung getragen werden und das irische Recht wurde abgeschafft. Die Iren wurden auch aus kirchlichen Ämtern entfernt und durften nicht in Ordenshäuser eintreten. Die krasse Spaltung in eine englische und eine irische Geistlichkeit, wurde bestätigt. Die Statuten von Kilkenny konnten jedoch nur vereinzelt vollzogen werden. Die als Iren fühlenden englischen Siedler waren nicht mehr gewillt, die Statuten anzuerkennen.

Nach den Wirren des Rosenkrieges, nach denen der englische Einfluß in Irland fast ausgelöscht war, konnte der erste Tudor-König, Heinrich VII Irland wieder unter englische Kontrolle stellen. Heinrich VII ernannte Lord Edward Poyning zum Lord Deputy von Irland (Statthalter), nachdem er den Grafen von Kildare, dessen Vater schon Vizekönig war, abgesetzt hatte.

b. Herrschaft der Tudor

Lord Poyning hat dem in Drogheda tagenden irischen Parlament im Jahr 1494 ein Gesetz vorgelegt, das als "Poynings Gesetz" (Poynings Act) die Verfassung Irlands von 1495 war und bis 1782 gültig war.

Nach Poynings Gesetz wurde das irische Parlament vollständig England, sowohl dem englischen König (samt englischer Regierung) als auch dem englischen Parlament unterstellt. Das Parlament durfte nicht ohne Zustimmung des Königs zusammentreten und allein der König hatte die Gesetzgebungsinitiative.

Bereits 1496 wurde der Graf von Kildare wieder Statthalter Irlands und Heinrich VII kam zurück auf die defensive Irlandpolitik, allerdings unter dem Poynings-Gesetz. Die englische Macht in Irland blieb auf den Pale-Bezirk um Dublin beschränkt. Die Grafen von Kildare als Statthalter und Vizekönige hatten jedoch dadurch, dass sie Iren war, die englische Macht ausgeweitet, was jedoch auf die Persönlichkeit der Kildares zugeschnitten war.

Bei Beginn der Herrschaft Heinrichs VIII waren in Irland neben dem englisch beherrschten Gebiet, Pale genannt, auch über 60 Gaue vorhanden, die von Stammesfürsten regiert wurden und den englischen König nicht mehr als Lord von Irland anerkannt wurde, obwohl der Vizekönig einen gewissen Einfluss wahren konnte.
 

2. Königreich Irland

Auch zum Zwecke der Kirchenreform, die er so erfolgreich in England durchgeführt hatte, wurde Heinrich VIII am 23. Januar 1542 vom englischen und irischen Parlament zum König von Irland gemacht, Irland damit Königreich.

Der Poynings Act, obwohl von Irland oftmals seine Aufhebung verlangt, hatte bis zum Jahr 1742 als Grundbestimmung der Verfassung Irlands Bestand.

Ab Heinrich VIII war es Ziel der englischen Krone, ganz Irland unter ihre Herrschaft zu bringen und so die noch ca. 60 selbstständigen Gaue einzuverleiben. Aber Heinrich VIII schaffte weder die Einführung der Kirchenreform in Irland noch die Herrschaft über ganz Irland. Unter Königin Elisabeth wurde die englische Herrschaft über ganz Irland teilweise erreicht, aber die Kirchenreform wurde, trotz der gewaltsamen Maßnahmen von Seiten Englands nicht erreicht. Als Gegenreaktion der englischen Gewalt kam es ab 1560 zu immer neuen Aufständen. Die irischen Aufständischen wurden hierbei auch aktiv von Frankreich und Spanien unterstützt. Im Jahr 1602 brachen die Aufstände gänzlich zusammen und die Spanier mussten Irland verlassen. Beim Tode der Königin Elisabeth war dann ganz Irland unter der gewaltsamen Herrschaft Englands.

König Jakob I. (auch König von Schottland), versuchte 1615 eine Reform der Verfassung Irlands, indem er in ganz Irland das englische Recht einführte. Den irischen Häuptlingen, die bisher unter Lehen der britischen Krone standen, wurden die Lehen eingezogen und so kam sehr viel Land an die englische Krone, die dieses Land an die englischen Siedler weiter verkaufte, so dass nur noch sehr wenig Land den einheimischen Iren verblieb. Diese zwangsweise Konfiskation des Landes irischer Eigentümer, die schon zur Zeit Heinrichs VIII eingesetzt hatte, wurde auch unter den nachfolgenden Königen fortgesetzt, was sowohl zu immer neuen Aufständen führte, als auch, dass das gesamt Land englischen Siedlern gehörte, was eine ungeheuerliche gewaltsame Eigentumsumstrukturierung war.

Auf der Grundlage dieses Eigentumsumsturzes, der Ausschließung der Katholiken aus dem öffentlichen Leben Irlands und der Rechtlosstellung der Iren kam es immer wieder zu teils massiven Gewaltausbrüchen und Aufstände gegen die englische Herrschaft. Bei Jakob I. waren von den 226 Mitgliedern des Parlaments Irlands nur 101 Mitglieder Katholiken, doch mit der Glorreichen Revolution von 1689/90 kam es zu einer Unterdrückung der Iren, die eigentlich unglaublich ist. Für die Iren wurden im Jahr 1691, nachdem die letzten Aufstände zu Gunsten König Jakobs II. niedergeschlagen waren, Sonderstrafgesetze erlassen, die katholischen Würdenträger wurden verbannt, der katholische Unterricht verboten, gemischt-konfessionelle Ehen verboten, höherwertige Pferde zu besitzen, die Wählbarkeit für alle öffentlichen wurden aufgehoben und die Verpflichtung zur Zahlung von Steuern (Zehnten) an die protestantische Kirche von Irland (auch die katholischen Iren !!!). Auch der Landbesitz war den Iren ab diesem Zeitpunkt verboten und die Iren, ob Katholiken oder Protestanten, wurden bei Strafe verpflichtet, jeden Sonntag den protestantischen Gottesdienst zu besuchen.

Seit 1695 verlangte das irische Parlament (das ab 1691 nur noch aus Protestanten bestand) die Wiederherstellung der legislativen Selbständigkeit und die Aufhebung der Poynings-Akte von 1495, doch wurde die Akte im Jahr 1719 erneut vom englisch/britischen Parlament bestätigt. Im Jahr 1727 wurde dann auch das Wahlrecht für die Iren aufgehoben.

Nachdem es ab 1760 zu fast dauerhaften Aufständen, auch von Protestanten unterstützt, gekommen war, die zur verstärkten Selbstständigkeit Irlands führen sollten, hat das britische Parlament im Jahr 1782 eine Reform der irischen Verfassung beschlossen, mit welcher die Poynings-Akte aus dem Jahr 1495 aufgehoben, die Selbstständigkeit des irischen Parlaments wiederhergestellt, die Sonderstrafgesetze für Iren aufgehoben bzw. abgemildert, und die Habeas-Corpus-Akte auch in Irland eingeführt. Die Maßnahmen sollten zur Beruhigung in Irland beitragen, doch kam es bald nach Beginn der französischen Revolution ab 1789 zu verstärkten Bildungen von Vereinigungen, die eine selbstständige irische Republik erstrebten. Im Jahr 1793 wurden die Katholiken zu Ämtern niederen Ranges wieder zugelassen und sie erhielten das Wahlrecht für das Parlament zurück, nicht aber die Wählbarkeit.

Von 1782 bis zur Union mit Großbritannien im Jahr 1801 war die irische Verfassung eine folgende:
- das irische Parlament hatte die volle Gesetzgebungsgewalt über Irland, allerdings kein Initiativrecht.
- der König, der ja auch König von Irland war, wurde in Dublin durch einen Lieutenant-Governor (Statthalter) vertreten. Dieser Statthalter hatte die volle Gewalt über die Vollziehung in Irland und das Initiativrecht.

3. Vereinigung Irlands mit dem Vereinigten Königreich von Großbritannien

Ab Dezember 1796 kam es, mit Unterstützung Frankreichs wieder zu Aufständen gegen die englische Herrschaft, die Habeas-Corpus-Akte wurde wieder aufgehoben und die irischen Städte mit englischer Besatzungsarmee belegt. Ab 1798 versuchte dann die britische Regierung, zwischen Großbritannien und Irland eine Union zustande zu bringen, um die Revolutionsgelüste in Irland niederzuhalten. Dazu hat das britische Parlament durch "unverschämteste Bestechung" das irische Parlament dazu gebracht, dieser Union zuzustimmen, indem diese 1 600 000 Pfund an die Parlamentsmitglieder gezahlt, die in sogenannten verrotteten Flecken gewählt wurden, bzw. einen dieser Sitze gekauft oder geerbt hatten.

Das irische Parlament, wie das britische Parlament, wurde aus Vertretern von Gebietskörperschaften gebildet, die aufgrund von königlichen Patenten und Briefen das Recht hierzu erhielten. Da diese königliche Patente bereits Jahrhunderte alt waren, waren viele Gebietskörperschaften durch die natürliche Wanderungsbewegung der Bevölkerung fast vollständig menschenleer, während andere einen massiven Bevölkerungszuwachs erlebt hatten. Die verrotteten Flecken (rotten borough, menschenleere Gemeinden, verkommene Wahlbezirke) wurden dann von einer Person vertreten, die diesen verrotteten Flecken besaßen oder den Parlamentssitz von ihren Besitzern kauften.

 


Quellen: J. C. Beckett - Geschichte Irlands,  Kröner 419, Stuttgart 1982
Schmidt-Liebisch: Daten der englischen Geschichte, DTV, 1977
Meyers Conversationslexikon 2. Auflage 1867
© 26. Januar 2009 - 14. Februar 2009
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